Am Wohnwagen

Mein ursprünglicher Plan bestand darin, mich bis zum Rand zu besaufen. Doch gerade noch rechtzeitig ist mir eingefallen, dass es wohl besser wäre wenn ich noch einen Rest Fahrtüchtigkeit behalten würde. Schließlich steht mir noch eine Fahrt zu meiner neuen Wohnung bevor. Ich verlasse also das „Eck“ und atme ein paar Mal tief ein. Der Rauch und die schlechte Luft haben den Alkohol etwas gebremst. Nun merke ich mit jedem Schritt, dass der Blick enger und schwammiger wird. Endlich sitze ich hinterm Lenkrad.
Soll ich wirklich in diesem Zustand noch fahren? Mir bleibt eigentlich gar nichts anderes übrig. Entweder ich lege mich hier an die Hauswand, oder ich schaffe es noch bis zum Campingplatz.

Nach vierzig Minuten und einigen Kilometern zu viel stehe ich nun vor dem Campingplatz. Ein kleiner Parkplatz liegt direkt vor der Schranke. Da ich sicher um diese Zeit nicht mehr auf den Platz fahren kann, stelle ich meinen Wagen dort ab. Den werde ich morgen holen. Jetzt muss ich erst einmal mein neues Zuhause finden. Simon hatte mir sehr genau erklärt, wo der Wohnwagen steht. Aber bei Nacht sieht so ein Campingplatz irgendwie aus wie ein Friedhof. Die einzelnen Reihen und Stellplätze sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Ab und zu leuchtet eine Kerze – eben wie auf einem Friedhof.
Ich versuche mich irgendwie an die Beschreibung von Simon zu erinnern und schaffe es wirklich irgendwann vor dem besagten Wohnwagen zu stehen. Heute habe ich keine Lust mehr, den Wagen von aussen anzuschauen. Ich krame also in meinen Taschen nach dem Schlüsselbund als ich plötzlich in einem gleißenden Licht stehe. „Super! Entweder die Luftwaffe probt hier die Flugabwehr, oder es sind Außerirdische die mich entführen wollen“, denke ich mir gerade. Als eine zum Licht noch eine Stimme dazu kommt: „He, was machen Sie da an dem Wagen?“
So langsam gewöhnen sich meine Augen an das Licht und ich erkenne einen Mann im Bademantel, Badelatschen und mit einem Handscheinwerfer. Den Scheinwerfer hat er sicher noch aus seiner Flakstellung aus dem 2. Weltkrieg. Ich erkläre also dem Aufpasser, dass das mein Wagen ist und er mich gefälligst in Ruhe lassen soll.
Es dauert eine ganze Weile, bis er mir endlich glaubt und sich davon abbringen lässt den halben Campingplatz aufzuwecken oder mich in seinem Keller so lange zu foltern, bis ich zugebe dass ich in Wahrheit ein Top-Terrorist bin und hier meine Basis aufschlagen werde um die Weltherrschaft an mich zu reißen.

Endlich liege ich in meinem Bett. Es wäre wohl eine gute Idee gewesen, auch das Bettzeug aus meiner ehemaligen Wohnung mitzunehmen. Aber daran hatte ich natürlich nicht gedacht.

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„Wirklich schön so ein Leben auf Achse. Längere Reisen sind für mich leider kaum möglich. Wegen meines Jobs muss ich immer in der Nähe bleiben. Wenn ich aber irgendwann einmal die Zeit habe, dann lege ich mir wohl auch wieder ein Wohnmobil zu“, versuche ich das Gespräch zu beenden und lege mir innerlich schon eine nette Geschichte über meinen Beruf zurecht. Doch Simon geht auf diesen Part gar nicht ein. „Mensch Bernd! Hast Du ein Glück! Wir verkaufen gerade unseren Wohnwagen. Der steht hier ganz in der Nähe auf dem Campingplatz ‚Zur Waldwiese‘. Das wäre doch dann etwas für Dich!“ – Simon kann sich kaum mehr halten vor Begeisterung. Er preist mir seinen Wagen an wie ein Vater, der seine letzte Tochter unter die Haube bringen will. Bei der Begeisterung bin ich mir aber nicht sicher, ob der Vater die Tochter lieber selber heiraten würde, oder ob die Tochter schon aus dem besten Alter heraus ist. Egal – die Situation hat sich gerade zu meinem Vorteil entwickelt. Für die nächsten Wochen kann ich in Simons Wohnwagen unterkommen. Der Campingplatz liegt vom Elektromarkt nicht weiter weg, als meine jetzige Wohnung und die Kosten liegen deutlich unter meinem Mietanteil. Bis ich etwas Neues gefunden habe, ist das auf jeden Fall eine Alternative. Vielleicht habe ich ja noch einmal Glück und der Wohnwagen entpuppt sich als Anlage mit hohem Wiederverkaufswert. Solch eine Chance muss man beim Schopfe packen, denke ich mir.
Nachdem Simon in mir einen Camperkollegen gefunden hat, begießen wir den möglichen Verkauf mit ein paar Bier. Am Abend noch haben wir uns über Preis und die Übergabe geeinigt und schon morgen kann ich den Schlüssel zu meiner neuen Unterkunft abholen. Ha, da wird Svenja Augen machen. Die hat sich sicher gedacht ich komme irgendwann angekrochen und bitte auf Knien um Vergebung um wieder bei ihr wohnen zu dürfen.

Als ich in unsere Wohnung komme, kann ich mir ein Grinsen kaum verkneifen. Leider ist Svenja nicht da. Wohl bei einer Freundin oder im Kino. Das kommt mir natürlich sehr gelegen – dann habe ich schon heute meine Ruhe und kann meine Sachen zusammen packen. Ich habe keine Lust auf weiteren Ärger und Erklärungen wo ich denn hin will. Also packe ich alle Umzugskisten, in die ich meine Kleider sowie ein paar Erinnerungsstücke und so gut wie alle Lebensmittel aus dem Vorratsschrank getopft habe, in mein Auto und fahre zu meiner Stammkneipe in die Stadt.

Ich betrete Anja’s Pilseck, eine typische Einraumkneipe – wie das heute genannt wird – in der Altstadt. Schummriges Licht, Zigarettendunst und das blinken der Dart-Automaten geben dem „Eck“ seine besondere Atmosphäre. Ich setze mich an die Bar und bestelle ein Pils. Eigentlich wollte ich noch etwas zu Essen bestellen, aber als es um die Frage Raucherkneipe oder Essenskneipe ging hat, sich Wolle unser Wirt für das Rauchen entschieden. Nun gibt es nur noch Tiefkühlpizza bei der man nicht feststellen kann, ob man die Verpackung oder den Inhalt isst. Ich verzichte also aufs Essen und bediene mich an den Erdnüssen und Salzstangen. Davon wird man auch irgendwann satt.

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