Kurz vor 16 Uhr fahre ich durch die schmucke Neubausiedlung wo Simon mit seiner Familie wohnt. Das Haus ist genau so, wie ich es mir vorgestellt habe: Gepflegter Vorgarten, weißer Jägerzaun, Doppelgarage, Kinderspielturm und Sandkasten im Garten. Vor der Garage stehen ein recht neuer 7er BMW, ein Wohnmobil sowie ein Mini in der Garage. Anscheinend hat es sich gelohnt, dass Simon immer bei den Spinnern aus der Computer-AG rumgehangen ist. So wie ich gehört habe, hat ein beachtliches Vermögen mit einer Software Firma gemacht. „Genau das ist der Grund, wieso ich nicht auf Klassentreffen gehe“, denke ich mir gerade noch, als die Tür aufspringt und Simon mit breitem Grinsen darin steht. Wir gehen durch einen großen Flur an offenem Esszimmer und Küche vorbei auf die Terrasse. Dort empfängt mich Simons Frau mit einem Lächeln, das meinem Zahnarzt gefallen hätte. Die beiden Kinder werden mir ebenso wenig vorenthalten wie der Mischlingshund der Familie. Bei Kaffee und Erdbeertorte sitzen wir auf der Terrasse in der Sonne und unterhalten uns über frühere Zeiten. Nicht dass wir uns so viel zu sagen haben, schließlich war Simon schon früher ein Spießer und Computer-Freak und hatte eigentlich mit mir sehr wenig zu tun. Aber egal – ich muss mich irgendwie nett und freundlich zeigen um die Chance auf das Gästebett nicht gleich zu verspielen. Ich hätte natürlich einfach fragen können, ob ich ein paar Tage bei ihm pennen kann. Aber dann hätte ich mich ja als Versager outen müssen, der sowohl die Freundin vergrault hat, als auch im Beruf es zu nicht viel mehr als einem Verkäufer gebracht hat. Also spiele ich lieber noch ein wenig meine Rolle vom vielbeschäftigten Geschäftsmann. Vielleicht ergibt sich ja im Gespräch irgendwann eine Möglichkeit das Thema anzuschneiden.
In diesem Moment merke ich, dass mein Plan nicht gerade der perfekte Plan ist. Eigentlich habe ich gar keinen Plan, sondern ich bin wie immer einfach drauflos gefahren und schaue nun, wie ich das Runder rumreißen kann. Es hilft also nichts. Ich muss noch ein wenig grinsen und schleimen. Irgendwann kommt schon meine Chance. „Tolles Wohnmobil habt ihr da stehen“, sage ich also. Damit habe ich wohl einen Schalter bei Simon umgelegt. Er strahlt noch mehr als zuvor. „Ja, stimmt. Das ist das neuste Modell mit pneumatischen Stützen, automatischer Nivellierung und Sat-Dom. Natürlich haben wir beim Kauf sehr viel Wert auf die Fahrrad-Garage und die Mittelrundsitzgruppe gelegt“, fährt Simon in seinen Ausführungen fort. „Ah, ja das verstehe ich. Das ist ja wohl das mindeste, was man heute erwarten kann“, sage ich und versuche dabei ein Gesicht zu machen, dass wie Interesse aussieht. Meine Hoffnung, dass das Gespräch schnell beendet sein würde wenn ich mich als Kenner zeige, schwindet recht schnell, als Simon mir die technischen Details seines Wunderfahrzeuges beschreibt. Mein letztes Zusammentreffen mit dem Thema Camping war vor ungefähr 15 Jahren bei einem Kurztrip nach Spanien. Direkt nach dem Abi sind wir auf diese Idee gekommen, dass man vor der Karriere noch etwas von der Welt sehen sollte. Also sind wir kurzentschlossen an einem Freitagabend mit 5 Personen in meinem alten Ford in Richtung Gardasee losgefahren. Im April ist es am Gardasee aber nicht viel wärmer, als bei uns. Was wir in unserer ersten Nacht im 3-Personen Igluzelt erfahren mussten. Wieder nach Hause fahren und zum Gespött der Leute werden kam auch nicht in Frage. Also fuhren wir über mehrere Etappen weiter nach Spanien. Dass wir bereits nach der ersten Übernachtung in Frankreich die Stangen unseres Zeltes vergessen hatten und von da an jede Nacht das Zelt mit Schnüren an Bäumen befestigen mussten, hatte ich bis heute verdrängt.
Bei Simon
Jun 9
Der Auszug
Jun 7
Das war es also nun? Nach 12 Jahren bat man mich auszuziehen. Mich! Das konnte doch kaum sein. Seit Jahren habe ich mich für diese Frau und meine Ehe aufgeopfert. Jeden Tag ins Büro und das Geld nach Haus bringen. OK – Svenja arbeitete auch für unseren Unterhalt, aber das ist bei einer Frau doch etwas anderes oder?
Dass es nicht so gut läuft in den letzten Monaten habe ich schon bemerkt. Aber dass ich nun aus unserer Dreizimmerwohnung ausziehen soll habe ich nicht erwartet. Natürlich bleibt Svenja in der Wohnung. „Schließlich gehört die Wohnung meinen Eltern“, sagte Sie mich noch mit einem hörbar, genüsslichen Unterton. Na toll – nun kann ich mir auch noch eine neue Bleibe suchen. Finanziell sieht es ja eh nicht so gut aus bei mir. Nun rächt es sich, dass wir unsere Gehälter sehr einseitig verwendet hatten. Mein Geld wurde für die täglichen Einkäufe, die Versicherungen und das Auto verwendet. Svenja’s Einkommen ging auf ihr Konto und davon haben wir unsere Einrichtung, Fernseher und die Küche bezahlt. Die Wohnung hatten wir mietfrei von meinen Schwiegereltern ins Spe bekommen. Naja Ex-Schiegereltern ins Spe natürlich!
Als Verkäufer von Mobiltelefonen und Internetanschlüssen in einem großen Elektronikmarkt verdient man sich ja nicht gerade eine goldene Nase. Überhaupt wenn man eigentlich nicht gerne arbeitet. In meinen Augen sollten Leute, die von Geburt an kein technisches Verständnis haben, weder ein Handy besitzen noch im Internet surfen. Die Vorstände und mein Chef sehen das aber wohl anders. „Sie müssen schon ein wenig Verständnis für Ihre Arbeit haben, Herr Schelmers“ – pflegen sie immer zu sagen, wenn ich ohne merkliche Lust in der TV-Ecke stehe. Herr Schelmers – das bin ich. Bernd Schelmers, 38 Jahre alt, gelernter Verkäufer und seit 5 Jahren im Elektromarkt beschäftigt. Und beinahe obdachlos!
Nun sitze ich auf unserem Balkon und überlege mir, wo ich hin gehen soll. Neben mir liegen mein Handy und ein kleines schwarzes Buch mit der Aufschrift „1998“. Mein Kalender, Adressbuch und Notizblock. Natürlich hat der Kalender im Jahr 2009 keinen wirklichen Wert, aber im Endeffekt habe ich das Büchlein eh nur für die Telefonnummern, ein paar Geburtstage und Adressen verwendet. Es wäre doch gelacht, wenn ich für die nächsten Wochen nicht bei einem meiner Kumpels unterkommen würde. Schließlich sind wir eine große Clique – alles noch Jungs aus der Schulzeit. So etwas verbindet doch fürs Leben.
Ich blättere also in meinen Adressen und muss leider sehr schnell feststellen, dass zwischen 1998 und 2009 einige Jahre liegen. Viele der Telefonnummern sind nicht mehr vergeben oder es wohnen dort ganz andere Leute. Ab und zu bekomme ich doch noch jemanden von meinen alten Freunden an die Leitung. Doch die Begeisterung mich ein paar Wochen bei Ihnen wohnen zu lassen hält sich überall massiv in Grenzen. Nun habe ich nur noch zwei Namen übrig: Tom und Simon. Tom wohnt seit Jahren ein paar Straßen weiter. Leider habe ich es nie geschafft mal bei ihm vorbei zu gehen. Mit der Zeit wurden die Einladungen auch immer weniger, bis ich irgendwann gar nichts mehr von ihm gehört habe. Egal – ich wähle also die Nummer und warte das Klingeln ab. Nach nur 3mal klingeln geht Tom ans Telefon. „Hallo Tom! Ich bin’s Bernd.“, sage ich. „Du, gerade blättere ich so in meinem Adressbuch und gleich als erstes bist Du mir eingefallen. Ich wolle mich doch immer einmal bei Dir melden!“ …schweigen am anderen Ende. „Sag mal, was machst Du denn gerade so? Sollen wir uns nicht mal auf ein Bier treffen und die alten Zeiten bequatschen?“, meinte ich versöhnlich. „Bernd! Ähh –ja Hallo!“, kam es nun endlich. „Du gerade ist es nicht so gut. Wir sitzen hier mit Svenja zusammen und reden ein wenig. Ein anderes Mal vielleicht. Ich rufe Dich bei Gelegenheit dann zurück.“ – Autsch! Das saß! Ich hatte ganz vergessen, dass Tom’s Frau Birgit und Svenja zusammen im Aquafitness, Pilates, Joga, Schwangerschaftsgymnastik oder wo auch immer sind und sich zwischen denen so etwas wie eine Freundschaft entwickelt hatte. Natürlich ruft Tom nie zurück. Das ist mir schon klar. Svenja wird den beiden schon ihre Version erzählt haben, so dass ich der Böse in der Geschichte bin.
Also bleibt nur noch Simon. Ehrlich gesagt ist Simon jemand, den ich nur in der aller größten Not anrufen würde. Simon ist ein alter Spießer und lebt mit seiner spießigen Frau in einer spießigen Vorstadtsiedung in einem spießigen Haus mit Garten, weißen Zaun, Hund und 2 Kindern. Da ich mich aber in einer Notsituation befinde wähle ich Simons Nummer. „Hallöchen! Wer ist da?“, meldet sich eine Frauenstimme. Ich bin kurz davor zu sagen, dass ich von der Kriminalpolizei bin und den Massenmörder Simon Büchele suche. Ich beherrsche mich aber noch einmal, da dieser Witz auch nach hinten los gehen kann und sage: „Hallo, ich bin Bernd. Ich war mit Simon in der Klasse und wollte mich mal wieder melden“. Gespannt wartete ich auf eine Reaktion von Simons Frau. „Bernd? Den Namen hat Simon noch nie erwähnt. Moment ich hole ihn, er ist im Garten und streicht den Zaun neu.“, wusste ich es doch! Spießig ohne Ende. Kurze Zeit später war Simon am Apparat. „Bernd? Bernd Schelmers? Vom Albert-Einstein Gymnasium? Mensch Bernd, schön dass Du mal anrufst. Bei den ganzen Klassentreffen haben wir dich immer vermisst. Warst ja immer geschäftlich viel unterwegs, wie ich gehört habe“. Naja, man muss sich ja etwas einfallen lassen, um diese Saftnasen nicht jedes Jahr beim Klassentreffen zu sehen. Dort werden doch eh nur die Bilder der süßen Kinder rumgereicht und die beruflichen Erfolgsgeschichten erzählt. Darauf hatte ich keine Lust. Ich habe ja weder süße Kinder, noch eine beruflichen Erfolg zu vermelden. Also musste ich mir jedes Jahr eine neue Geschäftsreise einfallen lassen. Nach ein paar Jahren konnte hätte ich eh auf kein Treffen mehr kommen können, da ich keine Ahnung mehr hatte, wo meine ganzen Reisen denn hin gegangen sind. Ich sollte mir in Zukunft mehr Gedanken über meine Lügen machen, dann verheddere ich mich nicht laufend.
„Ja, bin eben immer viel unterwegs“, sagte ich etwas verlegen. „Aber nun bin ich eine längere Zeit im Lande und wollte mal die ganzen alten Freunde besuchen kommen, hättest Du denn mal Zeit?“, fragte ich vorsichtig. Bei Simon wollte ich nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Nachdem Simon von der Idee recht begeistert war, hatten wir uns schon für den heutigen Nachmittag verabredet. Das kommt mir sehr gelegen, schließlich muss ich schnell handeln und mir eine neue Bleibe suchen. Die genaue Adresse habe ich mir herausgesucht. Leider wohnt Simon wirklich etwas außerhalb, so dass ich mich etwas beeilen muss um rechtzeitig zu unserer Verabredung da zu sein. Die moderne Technik hilft mir ja zum Glück etwas. Mit meinem Navi erspare ich mir das nervige suchen von Straßen und Landkarten. Hauptgrund diese technische Revolution mir anzuschaffen war allerdings meine Freundin. Nachdem wir auf Urlaubsfahrten immer wieder Streit hatten, was der richtige und schnellste Weg ist, habe ich beschlossen mir ein Navigationsgerät anzuschaffen. Danach hatten wir zwar genau so oft Streit, aber nur weil das Navi nicht genau wusste, dass ich eine deutlich bessere Strecke kannte. Das wollte Svenja aber wiederum nicht wahrhaben. So hatten wir nun zwar ein Navi, aber alles blieb beim Alten. Sehr spaßig ist es Übrigends, wenn man sowohl eine sprachgesteuerte Freisprecheinrichtung für sein Handy und ein Navigationsgerät mit Spracheingaben besitzt. Immer wieder belustigt es mich, beide Geräte so einzustellen, dass sie sich mit „Bitte wiederholen Sie Ihre Eingabe…“ und „Ich habe Sie nicht verstanden, sagen Sie HILFE..“ minutenlang miteinander unterhalten können.